Ich bin mit dem Reisebus von Berlin nach Portugal ausgewandert.  Warum diese neuntägige Reise so abenteuerlich und nervenaufreibend war, sollte ich euch hier auf dem Blog nicht vorenthalten.

Kopfkirmes vor der Reise

Die eigentliche Odyssee begann schon lange bevor ich den ersten Fuß in einen Reisebus in Richtung Portugal setzte. Es fiel mir offenbar schwer mich damit zu befassen, dass ich auswandern werde. Mein Körper reagierte sehr stark darauf. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die ich nach und nach aussortierte und der Blick in die Zukunft, die mehr als ungewiss war, ließen mir keine Ruhe. Nachts konnte ich nicht schlafen und tagsüber konnte ich dadurch kaum meine To-Do-Liste  abarbeiten. Zum Schluss war mein Zeitdruck so groß, dass ich in vielerlei Hinsicht immer mehr Kompromisse eingehen musste und es mir schwer fiel überhaupt vernünftige Entscheidungen zu treffen.
Dementsprechend erschöpft war ich dann auch am Tag der Abfahrt.

Jede Menge schweres Gepäck

Als ich am Abend des 26.08. mit übertrieben schweren Reisetasche, Rucksack und Jutebeutel vor meinem alten Haus stand und auf das Taxi wartete, das mich und meine ganze Technik zum Busbahnhof bringen sollte, konnte ich mir nur sehr schwer vorstellen welch Reise in den nächsten Tagen auf mich wartete.  Und das, obwohl ich Mitte Juni bereits mit der ersten äußerst schweren Tasche via Fernbus nach Portugal gereist bin.  Das Gewicht hatte derzeit die Rollen meiner alten Tasche zerfetzt.

Meine Reiseroute quer durch Europa in neun Tagen

Auf den letzten Metern vor dem Busbahnhof konnte ich dieses Monster nur noch über den Boden schleifen. Glücklicherweise hatte ich auf jener Reise nur einen einzigen Zwischenstopp in Paris und bin fast zwei Tage nonstop durchgefahren.
Aber auf dieser Reise, die ich jetzt vor mir hatte, sollte meine zweite neue Tasche viel mehr überstehen: 9 Tage Reise mit Zwischenstopps in Kopenhagen, Hamburg, Düsseldorf, Brüssel und Paris!

Erster Halt Kopenhagen?

Landflucht mit Augenringe

Kopenhagen liegt nicht unbedingt auf dem Weg von Berlin nach Lissabon. Mein Umweg auf dieser Reise lag allerdings nicht an schlechter Planung. Exakt an dem Tag an dem mein alter Mietvertrag in Berlin endete und der Neue in Portugal startete, hatte ich einen Auftritt in der dänischen Hauptstadt bei Balkan VS Swing. Der Veranstalter zahlte mir die Reise von meinem Berliner Zuhause nach Kopenhagen und er zahlte mir auch den Weg nach Hause zurück, was nach der Veranstaltung allerdings in Portugal lag.  Somit übernahm er meine kompletten Reisekosten von Berlin nach Lissabon. Fünf Tage Aufenthalt in Kopenhagen bis zur Abfahrt standen mir bevor, die für mich nötig waren, um nach all dem Stress zuvor wieder runter zu kommen. So weit der Plan…

Am Tag nach meiner Ankunft wollten mein Kumpel und ich für die Balkan VS Swing Veranstaltung etwas Werbung auf der Straße machen.  Mit einem Soundbike, das ist ein Lastenrad mit fetter eingebauter Beschallungsanlage, fuhren wir dafür zur Dronning Louises Bro, einer belebten Brücke mitten in Kopenhagen. Dort angekommen legten wir abwechselnd auf und verteilten Flyer.

Wenn man laut ist…

Lecker Falafel…

…dann kommt halt auch mal die Polizei. So auch in unserem Fall. Während ich genüsslich einen Falafel aß, streitete sich mein Kumpel mit den Beamten.  Ich verstand nix von alledem und war überrascht, als sie nach einiger Zeit zu ihrem Einsatzwagen zurück kehrten und uns mit unserer Musik weiter machen ließen. Das noch anwesende Publikum feierte diese Aktion unter lautem Gejohle und Gepfeife.

Verhaftung vor den Toren Christianias

Abends spät auf dem Weg nach Hause mussten wir an Christiania vorbei. Die dänische Polizei hatte sich zeitgleich wieder einmal vorgenommen, den Cannabis-Dealern auf der Pusherstreet eine nette kleine Razzia zu bescheren. Ihr Mannschaftswagen parkte dafür vor dem Haupttor auf dem Fahrradweg. Da so ein Soundbike eine fette Beschallungsanlage und eine sehr schwere Batterie beherbergt, ist so ein Fahrrad auch viel unhandlicher zu fahren, als beispielsweise ein BMX. Wir kamen an dem Mannschaftswagen definitiv nicht ohne große Probleme vorbei.

Mein Kumpel hatte natürlich wie zuvor auf der Brücke wieder keine Angst vor der Polizei. Er erklärte dem Fahrer des Mannschaftswagens lautstark seine Rechte und bat ihn den Fahrradweg frei zu räumen. In Dänemark ist es nach seiner Aussage jedem (auch der Polizei) verboten, auf dem Fahrradweg zu parken.
Während seines langen ausführlichen Monologes in Richtung Polizeiwagen kam die Einsatztruppe aus der Pusherstreet zurück. Sie setzten sich in ihren Wagen und räumten den Fahrradweg… Nicht!

Polizeibrutalität in Kopenhagen, Screenshot aus dem Videobeweismaterial

Mittlerweile standen wir schon so lange vor dem Einsatzwagen, dass sich hinter uns ein Stau von Fahrradfahrern gebildet hatte und neben uns ein Kamerateam von Christiania TV aufgebaut hatte. Die Bittversuche meines Freundes gegenüber der Polizei wurden immer ungeduldiger. Nachdem sie uns kurz in Flutlicht gebadet hatten, klang er nur noch fassungslos und laut.

Und dann plötzlich ohne jede Vorwarnung steigen zwei dieser martialisch bekleideten Polizisten aus, packen sich meinen Freund, schleifen ihn brutal in ihren Einsatzwagen und rasen los.

Und nun?!?

Uff! So hatte ich mir meine Reise nicht vorgestellt. Ich stand da geschockt mit Herzrasen und konnte nicht begreifen, was da gerade passiert ist. Um mich rum standen etliche Schaulustige und hielten zufrieden ihre Handys in der Hand. Und vor mir und meinem Fahrrad parkte nun dieses verlassene Soundbike, das ich nun irgendwie in Sicherheit bringen musste. Es gab eine Diskussion mit Leuten, die dabei standen und meinen Kumpel anscheinend gut kannten. Man wollte mir zunächst nicht das teure Fahrrad meines Freundes so einfach überlassen. Da könnte ja schließlich jeder kommen! Am Ende überließ ich ihnen mein geliehenes Bike und versprach ihnen hochheilig das schwere Soundbike zurück zu dem Haus meines Kumpels zu transportieren.

Geschockt fuhr ich nun mit diesem unhandlichen Gerät die letzten paar Kilometer langsam zu unserer Unterkunft und musste all das erstmal verarbeiten. Auch im Bett lag ich noch wach und dachte darüber nach als ich dann hörte, wie mein Kumpel nach Hause kam. Neugierig bin ich zu ihm hin und war weniger erfreut, ihn voller Blessuren anzutreffen. Nachdem sie ihn ihn im Mannschaftswagen auf den Boden geschmissen hatten, wurde er wohl mit den Füßen der Polizisten auf den Boden gedrückt. Ähnliches Vorgehen in der Zelle. Er sollte dann einen Wisch unterschreiben, dass er die Strafe von soundsoviel Euros annimmt. Hat er aber nicht und durfte trotzdem gehen.

Die Pusherstreet im Freistaat Christiania

Am Tag darauf stand er plötzlich freudestrahlend vor mir und rieb sich die Hände. Es gibt Videobeweise aus vier verschiedenen  Perspektiven. Es gibt Vorher-/Nachher-Fotos von ihm wegen den Schwellungen und blauen Flecken. Und es gibt jede Menge Zeugen. Sein Anwalt freute sich wohl auch schon. Außerdem hat er sein zweites Fahrrad, welches ich zurück lassen musste, auch bereits zurück bekommen und auf der Pusherstreet wären ihm sowieso erst einmal solidarische Sonderrabatte sicher.

Die letzte Party

Hafenidylle in Kopenhagen

Bis auf diesen schockierenden und erkenntnisreichen Zwischenfall mit der dänischen Polizei war mein Aufenthalt in Kopenhagen jedoch ziemlich entspannt. Ich fuhr mit geliehenem Fahrrad oft durch Christiania und beobachtete wie die unterschiedlichsten Menschen dort aufeinander trafen. Zwischen den von buddhistischen Gebetsfahnen gesäumten Verkaufsständen der Cannabisdealer zog sich eine Kette von sehr neugierig blickenden Touristengruppen, die das Fotografierverbot vor Ort nur schwer ertragen konnten. Ein faszinierendes Bild…

 

Die halbe Stadt besteht fast nur aus Hafengebiet.

Öfter setzte ich mich jedoch an eines der etlichen so unterschiedlich schönen Ufer, die diese Stadt beherbergt und genoss die frische Seeluft. Diese Ruhe brauchte ich, denn am Wochenende stand vor meiner weiteren Reise die große Party bevor.
Diese Balkan VS Swing Veranstaltung sollte meine vorerst letzte Party sein, die ich in Mitteleuropa bespielte. Es fühlte sich irgendwie wie mein finaler Abschied an. Nicht nur von Land und Leuten, sondern auch musikalisch. Für Portugal habe ich nämlich ganz neue Ideen und Pläne.

Die legendäre Balkan VS Swing Party in Operaen Christiania

Die Veranstaltung füllte sich dann am Abend recht schnell. Vor, während und nach meinem Auftritt wurde ich gefühlt im 10-Sekunden-Takt mit klaren Kurzen abgefüllt. Als Laptop-DJ fällt einem die Arbeit am Bildschirm besonders schwer, wenn man plötzlich doppelt sieht und nicht mehr scharf. Wenn das Publikum sich dann jedoch im gleichen Zustand befindet, werden eventuelle Fehler natürlich sofort verziehen.

Die riesige Konfettikanone wird natürlich mit Fahrrad zur Party transportiert.

Und so ging es bis 4 Uhr morgens. Zwischen gelalltem Prost! und albernen Rumgekichere lag entweder Trackauswahl oder Pogotanz. Oder ein Knall aus der wohl fettesten Konfettikanone Dänemarks!
Was für eine Party…

 

Sliwowitz und seine Folgen

Am frühen Morgen, als ich schon keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte, waren wir immer noch im Club gefangen. Draußen regnete es Katzen und Hunde. Mit halb leerem Bier in der Hand, unfähig es auszutrinken, saß ich total betrunken in der Ecke. Um mich rum warteten ebenfalls alle anderen, die nun Feierabend hatten, auf ein Ende des feuchten Wetters. Mitten in dem Kreuzfeuer dänischen Smalltalks war es in dem Zustand schwer, mich darauf vorzubereiten, dass ich gleich nach dem Regen erstmal unbeschadet drei Kilometer zu meiner Unterkunft radeln muss.

Alles drehte sich, während die Landschaft im Hafengebiet an mir vorbei flog.
Kurz nach der Ankunft dieser gefährlichen Reise musste ich mir leider mein Essen vom Vortag nochmal durch den Kopf gehen lassen… Viele Erinnerungen gibt es von diesem Morgen nicht.

Der Wecker klingelte. Ich hatte mir viel Zeit eingeräumt, meine Tasche etwas umzupacken und mich auf meine Abfahrt vorzubereiten. Die meiste Zeit über saß ich aber apathisch in der Ecke und genoss meine Migräne, resümierte und erfuhr die bittere Nachricht: Die etlichen Kurzen letzte Nacht waren kein Wodka, es war Sliwowitz! Ich bekomme so langsam eine Ahnung, was von den beiden schlimmer ist… Der Sliwowitz hielt auf jeden Fall sein Versprechen mir einen angemessenen Kater zu bescheren.
Demnach hätten all die Stunden, die ich für die Vorbereitung meiner weiteren Reise geplant hatte fast nicht ausgereicht. Der späteste Bus zum Bahnhof, den ich kriegen sollte, fühlte sich unerreichbar an. Ich war eigentlich sehr froh, als ich dann erneut Taxi fahren musste. Meine viel zu schwere Tasche hatte schließlich noch so einige Stopps vor sich: Hamburg, Düsseldorf, Brüssel und Paris!

Malerisches Licht früh morgens um Fünf in Hamburg

Auf der Reeperbahn morgens um 6…

Hamburger Morgensonne über Hafen City

Kurz vor Fünf erreichten wir Hamburg. Die Sonne war noch nicht aufgegangen und nach der bisherigen Reise fühlte es sich falsch an, schon so früh aufzustehen. Der Plan war mein ganzes schweres Gepäck in ein Schließfach zu verstauen und bis zu meiner Weiterfahrt am Nachmittag einen schönen Tag in Hamburg zu

Die berühmte Speicherstadt

verbringen. Der Geist war willig, doch der Körper schwach. Ich brauchte vom Hamburger Busbahnhof, der sich auf der Rückseite des Bahnhofs befindet, bis zum Schließfach des Bahnhofes eine ganze Stunde. Die Rolltreppen der Unterführung waren alle ausgeschaltet, also wurde es abenteuerlich. Zum Glück half mir irgendwann jemand, als ich alles die Treppen dann wieder rauf schleppen musste.

Morgensonne im Hafen

Seine Augen, als er das Gewicht der Tasche erstmalig realisierte, werde ich nie wieder vergessen.

Anschließend lief ich vom Hamburger Bahnhof in Richtung Hafen City. Vor Sonnenaufgang wurde mir aber dann im Hafengebiet so kühl, dass ich mich in der nächsten Bäckerei erstmal mit Hilfe eines heißen Tees und eines Pastel de Natas frisch aus dem Ofen aufwärmen musste.

Segelschiff in Hamburg

Ich wanderte an dem Tag sehr viel herum (laut Google Maps 20 km!) und schoss etliche schöne Bilder in Hafen City, St.Pauli, Altona und Neustadt, konnte aber auch meine weitere Reise mit dem Flixtrain am Nachmittag nicht mehr wirklich erwarten.

Verflixt und zugenähte Flixtrain Erfahrung

Hamburger Hauptbahnhof

Überpünktlich stand ich mit mit Sack und Pack auf Gleis 12 nachdem ich erfahren habe, dass der Flixtrain dort standardmäßig abfährt.  Irritiert hatte mich, dass auf der Anzeige eine viertel Stunde spätere Abfahrtszeit (16:49) stand, als auf meinem Ticket (16:34). Beim Warten auf den Zug fand ich auf dem Bahnsteig jemanden, der sich bereit erklärte, mir dabei zu helfen, meine Monstertasche in den Zug hinein zu hieven. Im Austausch übersetzte ich ihm alle Durchsagen und anderweitigen Erkenntnisse, wann der Flixtrain denn nun endlich kommt ins Englische.

Kein Flixtrain in Sicht

Und so standen wir da und lauschten ewig lang den Durchsagen am Bahnsteig:

„Der Flixtrain mit der Kennung FLX20 hat voraussichtlich fünfzehn Minuten Verspätung.“ Danach zwanzig, dreißig, fünfundvierzig Minuten und schließlich eine ganze Stunde. Anschließend beinhalteten die Durchsagen nur noch Informationen, dass die Lock demnächst bereit stünde.

Um kurz vor Sechs war ich drin mit all dem Krempel.  Auch das Gesicht des diesmaligen Helfers beim Hochhieven der Tasche werde ich nie wieder vergessen. Ich habe mich direkt in das erste Abteil gesetzt. An den Wänden war noch der Muff der Neunziger, die Sitze schienen aber neu zu sein. Und es wurden sehr oberflächlich Steckdosen und USB-Ports verlegt, die aber bei meiner Fahrt keinen Strom lieferten.

Der Zoch kütt!!!

Laut der Durchsage des Zugführers wurde dieser Zug von der Schaltstelle die ganze Zeit nicht freigegeben. Ich vermutete, dass die Deutsche Bahn ihren eigenen Zügen eine höhere Priorität gibt. Zugverspätungen gab es an dem Nachmittag immerhin zu Genüge.
Jedenfalls hatte die Reise in diesen alten Wagen etwas sehr nostalgisches.

Kurz vor meinem Umstieg in Düsseldorf musste dann noch der Triebwagen in Duisburg ausgetauscht werden. Und alle so Yeah.

Zwanzig Minuten Adrenalin

Geplant war ursprünglich ein zweieinhalbstündiger Aufenthalt in Düsseldorf. Ich wollte die Zeit nutzen, um noch zwei sehr alte Freunde zu treffen, da dies meine ursprüngliche Heimat ist, in die ich wohl so schnell nicht mehr zurück komme. Einem wurde es zu spät, er sagte mir ab. Danke Flixtrain. Die zwanzig Minuten die mir blieben, um mit dem ganzen Gepäck die über dreihundert Meter bis zum Düsseldorfer Fernreisebusbahnhof zu schaffen waren sehr knapp bemessen.
Sehr knapp.

Die Gewissheit, dass ich zwölf Stunden zuvor in Hamburg eine ganze Stunde Zeit benötigt hatte, um eine kürzere Strecke zu bewältigen, machte mich hektisch. Bereits beim Aussteigen fiel mir mein Snack-Paket für die nachfolgende Fahrt in die Gleise und meine schwere Tasche gegen mein rechtes Bein. Mit nun zerrissener Hose und blutigem Schienbein begrüßte ich meine alte Freundin aus Schulzeiten und ihren Freund. Sofort ging es los mit dem Lauf gegen die Zeit. Wie eine alte Dampflok zog ich mein Gepäck schnaufend hinter mir den gefühlten Berg hinauf. In den kurzen Atempausen gönnte ich mir japsend Smalltalk mit meiner Schulfreundin.

Total ausgepowert kam ich dann auf die Idee, dass wir für die letzten zweihundert Meter doch einen dieser E-Roller nehmen könnten, um mein Gepäck zu transportieren. Doch einer dieser Möchtegern-Gangster, die nachts gerne vor dem Bahnhof stehen und Opfer suchen, dachte, es wäre eine gute Idee, sich in dieser Situation einzumischen und zu pöbeln. Voller Adrenalin schnauzte ich ihn an, packte meine Tasche und verließ den Ort des Geschehens. Stünden wir nicht unter Zeitdruck, wäre das bestimmt noch übel ausgegangen gewesen.

Busfahrer des Grauens

Schließlich erreichte ich völlig verschwitzt und ausgelaugt meinen Flixbus. Ich bemerkte, dass der Busfahrer bereits eine Dame nicht mitnehmen wollte, da ihre Tasche zu schwer gewesen sei. Ein Aufgebot an Geschrei und Gestikulation umgarnte den finster blickenden Busfahrer, der auf das Kleingedruckte, welches er nochmal schriftlich an der Bustür für alle sichtbar befestigt hatte, beharrte.
„Zwanzig Kilo ist die Obergrenze!“ sagte er unentwegt in einem strengen Ton und hob ermahnend seinen Zeigefinger.

Ich musste erstmal Luft holen und wartete die Diskussion ab. Als ich mich und die Situation sich entspannte, traute ich mich mit meiner viel zu schweren Tasche vor und wollte direkt beim Einladen helfen. Ein zorniges NEIN erschütterte mich bei dem Versuch, die Tasche alleine hoch zu hieven. Plötzlich stand der Busfahrer mit einer Kofferwaage vor mir. Auch den Anblick seines Gesichtes werde ich nie vergessen, als er versuchte, den Koffer mit dieser Waage zu heben. Zuerst poppte auf dem Display die Zahl 45 auf, dann ERR. Der Busfahrer war fassungslos. Nach kurzer Atempause kam außer Nein nicht viel Anderes aus seinem Mund. Mein Bitten und Flehen, dass ich unbedingt mitkommen müsse, half lediglich dabei, dass der Fahrer entschied, dass ich dafür gefälligst eine „Sonderzahlung“ leisten sollte.

Als ich bei der Abfahrt meiner alten Freundin zum Abschied zuwinkte, tat mir die Dame auf dem Sitzplatz neben mir furchtbar leid, da ich in dem Augenblick wie nach einem Marathon schwitzte.
Allerdings wurde sie sehr schnell von meinem Geruch befreit, als wir beide wegen Sitzplatzreservierungen irgendwo in den Niederlanden den Sitzplatz wechseln mussten. Die folgende Nachtfahrt nach Brüssel war wegen zu vollem Bus mit viel zu engen Sitzmöglichkeiten nicht sonderlich bequem oder schlafintensiv.
Es war zusammengefasst die schlimmste Busfahrt die ich je hatte.

Schlaflos in Brüssel

Für Deutsche ein befremdliches Bild: das Militär präsentiert sich nicht vor dem Brandenburger Tor, sondern vor dem Triumphbogen des Brüsseler Jubelpark.

Meine Gastgeberin in Brüssel kannte ich von einem gemeinsamen Festival vor fünf Jahren. Sie ließ mich am Norbahnhof mit einem Uber-Taxi abholen. Zwischenzeitlich bin ich erfroren, denn sie schickte zunächst Taxis zum Hauptbahnhof. Als ich dann bei ihr zuhause war, saßen wir die ganze restliche Nacht in ihrer Küche und quatschten über alte Zeiten und über ihren Plan am nächsten Tag Leute zum Essen einzuladen. Ich willigte ein ihr zu helfen, da sie von fünfzehn Personen sprach. Um Sechs gingen wir schlafen, um Sieben klingelte ihr Wecker. Während sie ohne Schlaf zur Arbeit gefahren ist,  blieb ich wach, weil ich noch dringend auf Twitter vermeintlich besorgten Bürgern die Welt erklären musste. Tja. Anschließend spazierte ich durch das herbstliche Brüssel und holte meine Gastgeberin von ihrer Arbeit ab, damit wir direkt für das Buffet am Abend einkaufen konnten.

Was dann allerdings passierte, war weniger schön. Aufgrund totaler Übermüdung war sie überhaupt nicht in der Lage, sich auf ein Gericht zu konzentrieren, wollte aber mehrere Gänge vorbereiten. Und ich erfuhr so nebenbei die nicht unwesentliche Information, dass sie ein komplett anderes Verständnis vom Kochen wie ich hat, bzw. gar nicht kochen kann. Alles würde wohl an mir hängen bleiben, dachte ich noch, bevor sie mich in dem Supermarkt mit immer neuen Rezeptideen völlig kirre gemacht hatte.

Plötzlich Chefkoch

Die Zeit schritt unermüdlich voran. Und der Einkaufskorb wurde immer voller mit Dingen, die keinen Sinn ergaben. Irgendwann platzte mir leider die Hutschnur und ich übernahm die Organisation komplett. Ich musste leider herumkommandieren, damit es funktionierte.
Am Ende kochte ich vegane Bolognese-Sauce, eine Spinat-Zucchini-Käse-Sauce und Nudeln für alle. Anschließend musste ich mich dafür feiern lassen und einen Toast ertragen. Und meine Gastgeberin genoss es, eine gute Gastgeberin zu sein. Das wäre alles nicht so nervig gewesen, wenn ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht schon zwei Nächte durchgemacht hätte.

Den ganzen Abend über durfte ich auf dieser Party nun fast jedem einzeln erzählen, warum ich nach Portugal ziehen möchte. Je öfter ich diese Story dann erzählt hatte, desto besser gefiel sie mir selbst. Ich trank ein Glas Wein und war todmüde aber happy.

Ich wollte zufrieden ins Bett gehen. Als ich mich verabschiedete, war die Enttäuschung plötzlich groß. Es war erst 21 Uhr! Meine Gastgeberin flehte mich an noch zu bleiben. Ich erklärte ihr, dass ich für soziale Interaktionen an diesem Abend einfach nicht mehr tauge und nun schon drei Tage wach sei. Nach kurzem Hin und Her durfte ich dann endlich ins Bett.

Ab nach Hause!

Brüsseler Parkidylle

Am nächsten Tag haben wir uns vor der Abfahrt in ihrer Nachbarschaft noch an einen Teich gesetzt, die Sonne genossen und gechillt. Jedoch wollte ich irgendwann nur noch in den nächsten Bus steigen. Endlich nach Hause. Endlich diese Reise beenden. Ich wollte mich plötzlich beeilen, wurde aber immer wieder gebremst, weil wir sonst viel zu früh am Busbahnhof gewesen wären.

Am Ende waren wir auch zu früh dort. Da ich den Rest der Strecke mit den Bussen von EuroLines fahren wollte, war ich sehr optimistisch eingestellt. Ich hatte mit dem Unternehmen stets sehr gute Erfahrung gemacht. Alles lief bisher bei denen recht unkompliziert ab. Bis auf das Einchecken. Dafür musste ich in Brüssel und in Paris zum Schalter rennen und mir dort den Eincheck-Nachweis für den Busfahrer mitnehmen. Ich frag mich wozu?

Von der Fahrt von Brüssel nach Paris habe ich nicht viel mitbekommen. In Paris hatte ich kurz Zeit, mir die sehr interessante Lebensgeschichte eines alten Hippies erzählen zu lassen, bevor ich in meinen Anschlussbus nach Lissabon nehmen sollte. Unter seinem Sonnenhut murmelte der langhaarige Herr beständig Anekdoten in seinen langen Bart während er sich an seinen mit etlichen Stocknadeln versehenen Wanderstock stützte. Jede einzelne Falte seines Gesichtes schien das Ergebnis eines großen Abenteuers zu sein. Er passte auch gerne auf meine Tasche auf, während ich mich am Schalter um das nervige Eincheck-Prozedere kümmerte.

Endspurt

Schinken so groß wie Medizinbälle in Spanien

Die weitere Reise war wieder sehr angenehm. Zum Frühstücken hielt der sehr relaxte Busfahrer früh morgens an einem spanischen Hotel an. Anschließend ging es mit Bob Marley und Queen aus dem Handy meines stets grinsenden Sitznachbarn hinter mir schnurstracks zur portugiesischen Grenze. Der Supermarkt vor Ort führte Schinken so groß wie Medizinbälle. Und unmittelbar neben den Mariachi-Gitarren hingen jede Menge Gewehre zum Verkauf. Ich war mir kurzzeitig nicht mehr so sicher, ob ich noch in Europa bin.

Alles was der Mariachi so braucht…

Kaum im Bus zurück passierten wir auch schon die Grenze. Ich war endlich in meinem neuen Heimatland angekommen. Begrüßt wurde ich aus der Ferne von den Rauchschwaden eines Waldbrandes. Wir hielten noch in mehreren Städten quer an der portugiesischen Küste herunter bevor ich endlich in Lissabon angekommen bin.

Die Rauchschwaden eines Waldbrandes hinter der portugiesischen Grenze

Ich war nach dieser Reise in meinem ganzen Leben selten so aufgeregt und überwältigt zugleich.

In Lissabon wurde ich dann direkt am Bus abgeholt. Seither sitze ich hier im gefühlten Urlaub und realisiere sehr langsam, dass ich jetzt hier wohne!

Gebraten auf den letzten Metern

Doch darüber berichte ich ein anderes Mal.

Danke an alle, die mich auf diese Reise vorbereitet, begleitet oder geholfen haben und ebenso an diejenigen, die mich hier so herzlich empfangen haben!

Ach übrigens, die zweite Tasche hatte diese Odyssee unbeschadet überlebt.